Presse / Aktuelles Artikel "Erklärung zum Tag der Menschenrechte in Tibet" vom 14.12.2008
Erklärung des TCHRD zum Internationalen Tag der Menschenrechte
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Anläßlich des 59. Internationalen Menschrechtstages, den wir heute begehen,
grüßt und dankt das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie all
jenen Menschen auf der ganzen Welt, die sich für den Schutz und die Förderung
der fundamentalen Grundrechte einsetzen, für die dem Menschen innewohnende
Würde und die gleichen und unveräußerlichen Rechte, auf die alle Mitglieder
der menschlichen Familie mit ihrer Geburt ein Anrecht haben. Die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte (UDHR), die am 10. Dezember 1948 von der
Vollversammlung der UNO verabschiedet wurde, stellt „das von allen Völkern und
Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal“ bezüglich der Menschenrechte dar.
Obwohl es zur Formulierung dieser Erklärung vieler Jahre bedurfte und sie nun
schon Jahrzehnte zurückliegt, erfordert der Kampf darum, dass einem jeden
Erdenbürger der Anspruch auf die 30 in ihr festgeschriebenen Freiheiten und
Rechte auch gewährt wird, unser Engagement nicht nur heute, sondern jeden
Tag.
Der 10. Dezember ist für die Tibeter nicht nur als der internationale
Menschenrechtstag wichtig, sondern auch als ein Tag, an dem sie der Verleihung
des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama 1989 in Anerkennung seines
unermüdlichen gewaltlosen Einsatzes für Frieden und Menschenrechte gedenken.
Das TCHRD erinnert heute an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die
darin verankerten Werte und würdigt die Bemühungen von uns allen zur
Verteidigung der Menschenrechte des tibetischen Volkes in Tibet.
In den vergangenen elf Monaten mussten die Tibeter in Tibet erfahren, wie ihre
Menschenrechte und Freiheiten schlimmer denn je von den chinesischen Behörden
missachtet wurden. Es ist äußerst bedauerlich und zu verurteilen, dass die VR
China, obwohl sie als ein ständiges Mitglied der UNO den meisten
UN-Menschenrechtsverträgen beigetreten ist, die fundamentalen in der UDHR
niedergelegten Grundsätze nicht respektiert und einhält, sondern diese in
eklatantester Form in Tibet regelmäßig verletzt und dabei noch ungestraft
bleibt. Die chinesischen Behörden verweigern den Tibetern weiterhin
systematisch ihre Menschenrechte.
In den vergangenen elf Monaten des Jahres 2007 hat das TCHRD u.a. die
folgenden Ereignisse dokumentiert:
v Die erhaltenen Informationen über eine ganze Reihe neuer Fälle von
Festnahmen von Tibetern unter dem Verdacht politischer Aktivitäten.
v Am 1. Januar 2007 traten die neuen 56 Artikel umfassenden „Maßnahmen
für die Handhabung der religiösen Angelegenheiten“ in Kraft, die von dem 11.
Ständigen Ausschuß der Volksregierung der „TAR“ verabschiedet wurden. Statt
den religiösen Angelegenheiten Schutz zu gewähren, ist der einzige Zweck
dieser neuen Bestimmungen, die Einhaltung der staatlichen Vorschriften
bezüglich religiöser Einrichtungen, deren Mitarbeitern und gläubigen Bürgern,
sowie was die Stätten der Anbetung und religiösen Aktivitäten angeht,
gewaltsam durchzusetzen.
v Mitgliedern der KP und Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, sogar dem
gewöhnlichen Volk in Lhasa, wurde in der Woche, in der im März die Politische
Konsultativkonferenz in Peking tagte, der Besuch von Tempeln verboten. Man
drohte ihnen mit dem Verlust der Parteimitgliedschaft oder Entlassung aus dem
Dienst, falls sie in der Hauptstadt buddhistische Tempel zum Gebet aufsuchten.
v China verschärfte sein Verbot religiöser Aktivitäten in Tibet,
besonders während des heiligen Monats Saka Dawa ab dem 17. Mai 2007 waren die
Gläubigen von scharfen Restriktionen betroffen. Chinas „Staatliche Verwaltung
für Religiöse Angelegenheiten“ (SARA) gab einen 14 Artikel umfassenden
„Maßnahmenkatalog für die Reinkarnation lebender Buddhas im tibetischen
Buddhismus“ heraus, der am 1. September in Kraft trat. Dies zeigt deutlich,
wie entschlossen die KP ist, die jahrhundertealte Tradition und religiöse
Praxis der Tibeter zu untergraben und in Misskredit zu bringen. Die neuen
Maßnahmen, die von der offiziellen Presse als ein „wichtiger Schritt zur
Institutionalisierung der Verwaltung von Wiedergeburten“ beschrieben wurden,
richten sich bewusst gegen einen der zentralen Glaubensinhalte des tibetischen
Buddhismus, wenn sie „Bestätigungsverfahren“ für lebende Buddhas vorschreiben.
Sie sind ein Beweis für die Absicht der KP, die tibetische religiöse
Hierarchie zu untergraben und zu zersetzen und die Autorität der rechtmäßigen
religiösen Führungspersönlichkeiten in Tibet, vor allem die des Dalai Lama, zu
schwächen.
v China erhöhte den Druck auf das Kloster von Tulku Tenzin Delek, Kham
Nalanda Thekchen Jangchub Choeling, und ließ am 19. Juli 2007 zwei ältere
Frauen, Odho und Apha Bomo, beide aus dem Dorf Othok, Kreis Nyagchuka, „TAP“
Kardze, Provinz Sichuan, festnehmen. Den Frauen wurde vorgeworfen, sie hätten
ihre Landsleute dazu aufgehetzt, sich ihrem Appell nach der Freilassung Tenzin
Deleks anzuschließen. Nachdem die Behörden dann den Dorfchef von Othok
verpflichteten, für ihr weiteres „gutes Betragen“ die Garantie zu übernehmen,
wurden sie am 27. August entlassen.
v Am 1. August 2007 wurde Ronggye Adrak verhaftet, weil er während des
jährlichen Pferderennenfestes in Lithang öffentlich seine Meinung geäußert
hatte. Auf Ronggye Adraks Verhaftung hin erließen die Behörden in Lithang und
den umliegenden Gebieten scharfe Restriktionen, weil sie massive Proteste der
ihn unterstützenden Bevölkerung befürchteten. Sie stellten zusätzliche
Kontingente der Bewaffneten Volkspolizei (PAP) zur Verstärkung bereit, um die
Aktivitäten seiner Sympathisanten zu überwachen. Am 21. August wurden drei
seiner Neffen, Adruk Lopoe, Adruk Nyima und Adruk Gyatso, willkürlich
festgenommen. Nyima und Gyatso wurden zwar nach sechs Stunden wieder auf
freien Fuß gesetzt, aber Adruk Lopoes Verbleib war bis zu seinem
Gerichtsverfahren unbekannt.
v Am 19. August 2007 wurde Lothok, ein 36jähriger tibetischer Nomade und
Vater von fünf Kindern aus dem Dorf Drakar Latse, Distrikt Lithang, in einem
Gästehaus in Chengdu, der Provinzhauptstadt Sichuans, willkürlich
festgenommen.
v Eine beinahe vollendete gold- und kupferbeschlagene riesige Statue von
Guru Rinpoche im Kloster Samye, Kreis Dranang, Präfektur Lhoka, „TAR“, wurde
in dem den Buddhisten heiligen Monat Saka Dawa, Mitte Mai, von den Milizen der
PAP zerstört. Eine weitere Statue von Guru Rinpoche wurde in der ersten
Oktoberwoche in Ngari Darchen, Distrikt Purang, Präfektur Ngari, „TAR“,
niedergerissen. Bei einem ähnlichen Vorfall musste am 14. August 2007 der Bau
einer Statue von Guru Rinpoche im Dorf Rongpatsa, Distrikt Kardze, „TAP“
Kardze, auf Befehl der Lokalbehörden eingestellt werden.
v Seit der ersten Septemberwoche 2007 haben die chinesischen Behörden in
Lithang und den umliegenden Kreisen einen intensiven Feldzug zur
„patriotischen Erziehung“ gestartet. Am 2. September wurde Adruk Kalgyam, ein
tibetischer Nomade aus dem Dorf Youru Kharshul, verhaftet, weil er den Kadern
bei der Umerziehung widersprochen hatte. In ähnlicher Weise wurde am 3.
Oktober Jamyang Tenzin, ein Mönch des Klosters Youri Geydenling im Distrikt
Lithang wegen seines offenen Widerstandes gegen die Behörden bei der
patriotischen Umerziehung festgenommen. Über beider Schicksal liegen keine
Informationen vor.
v Um den 7. September hielt die Polizei 40 Schüler fest, die tags zuvor
angeblich auf die Mauern der Polizeistation und anderer Gebäude ihres Dorfes
Parolen gekritzelt hätten, in denen sie die Rückkehr des Dalai Lama und
Freiheit für Tibet forderten. Innerhalb von 48 Stunden wurden alle bis auf
sieben aus der Polizeihaft entlassen. Die sieben, die aus Nomadenfamilien
stammen, sind Schüler der Mittelschule von Amchok Bora im Distrikt Labrang,
„TAP“ Gannan, Provinz Gansu. Vier von den sieben Schülern, die alle wegen der
Anbringung der Graffitis geschlagen und misshandelt wurden, befinden sich noch
in Gewahrsam. Die Anwendung der Folter ist in Tibet immer noch endemisch und
eine weitverbreitete Praxis, obwohl China die UN-Konvention gegen Folter
unterschrieben und ratifiziert hat.
v Das Verbot der Folter ist im internationalen Völkerrecht eindeutig
festgeschrieben. Es ist unmissverständlich und absolut und bindend für alle
Staaten und in allen Gebieten, die ihrem Herrschaftsbereich unterstehen. Es
gilt unter allen Umständen und für alle Zeiten. Ebensowenig ist Folter
zulässig, wenn sie in anderen Worten umschrieben wird: Grausame und
unmenschliche Behandlung sind inakzeptabel und illegal, ungeachtet dessen, wie
sie bezeichnet werden.
v Erhöhte Überwachung und strengere Maßnahmen vor und nach der
Auszeichnung des Dalai Lama mit der höchsten Auszeichnung, die einem Bürger
zuteil werden kann, durch die USA am 17. Oktober zogen eine Reihe von
Verletzungen der fundamentalen Menschenrechte der Tibeter in Tibet nach sich.
Die chinesischen Behörden trafen diverse Vorsichtsmaßnahmen. So wurde die
Überwachung aufgestockt, verdächtige Individuen wurden strenger kontrolliert
und ehemalige politische Gefangene vorsichtshalber sogar in Gewahrsam
genommen. Insbesondere im Kloster Drepung ist die Lage weiterhin angespannt,
und die Mönche unterstehen fortwährend erhöhter Überwachung. Ein großes
Kontingent an PAP-Kräften marschierte in dem Kloster auf, wo sie das
Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit einschränkten. Ein Mönch und vier Laien
wurden im Kloster Amdo Labrang Tashikyil im Distrikt Sangchu, „TAP“ Kanlho,
Provinz Gansu, festgenommen, nachdem sie sich zum Sangsol Gebet versammelt und
Feuerwerkskörper entzündet hatten, um die Auszeichnung des Dalai Lama zu
feiern. Außerdem sollen zwei Tibeter aus dem Dorf Othok, Distrikt Lithang,
„TAP“ Kardze, am 17. Oktober festgenommen worden sein, nachdem sie
Gebetsfahnen aufzogen und das Sangsol Gebet ausführten, um die Verleihung der
höchsten zivilen Ehre der USA an den Dalai Lama zu feiern.
v Am 18. Oktober wurden am Nangpa Paß von den Grenzschutztruppen erneut
Schüsse auf fliehende Tibeter abgefeuert, wonach von der Gruppe von 46
Flüchtlingen nun neun vermisst werden und drei festgenommen wurden.
v Am 20. November verurteilte das Mittlere Volksgericht von Kardze
Ronggye Adrak zu acht Jahren Gefängnis und dem Verlust der politischen Rechte
für vier Jahre wegen des Delikts der „Aufhetzung zur Spaltung des Landes und
Untergrabung der Einheit der Nation“ und der „ernsthaften Störung der
öffentlichen Ordnung“. Adruk Lopoe, ein Neffe Ronggye Adraks, wurde unter der
Anklage der „Kollaboration mit ausländischen separatistischen Kräften zur
Spaltung des Landes und Verteilung von politischen Pamphleten“ mit zehn Jahren
Gefängnis am härtesten bestraft. Der Künstler Kunkhen (Jacmyang Goingqen), der
willkürlich am 22. August von den PSB-Beamten des Kreises Lithang aus
unbekanntem Grund festgenommen worden war, wurde zu neun Jahren Gefängnis
verurteilt, weil er „spalterischen Tätigkeiten“ nachgegangen sei. Der Nomade
Lothok wurde von demselben Gericht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
v Über 130 Tibeter befinden sich noch in Tibet in verschiedenen
Gefängnissen, bloß weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnahmen.
Der Verbleib des Panchen Rinpoche, Gedhun Choekyi Nyima, und vieler
bedeutender religiöser Führungsgestalten liegt immer noch im Dunkeln. Der Fall
von Ronggye Adrak und seiner drei Gefährten aus Lithang und die harten
Gefängnisstrafen, die der Mittlere Volksgerichthof von Kardze wegen der
ungenau definierten Anklage der „Gefährdung der Staatssicherheit“ über sie
verhängte, machen das Ausmaß der Repression deutlich. Sie zeigen, welchen
Preis die Tibeter in Tibet zahlen müssen, wenn sie die in der chinesischen
Verfassung verankerten Rechte friedlich ausüben, sowie andere grundlegende
Menschenrechte, die von den internationalen auch von China unterschriebenen
Verträgen geschützt werden.
Das TCHRD nimmt diesen wichtigen Gedenktag zum Anlass, seine Besorgnis darüber
zum Ausdruck zu bringen, dass die im chinesischen Gesetz mit ungenauen
Begriffen formulierten Anklagepunkte wie „Gefährdung der Staatssicherheit“,
„Störung der öffentlichen Ordnung“ und „Verbrechen gegen die öffentliche
Ordnung“ immer öfter von der chinesischen Justiz herangezogen werden, um
Tibeter festzunehmen und im Gefängnis verschwinden zu lassen. Das TCHRD drängt
die chinesische Führung, der Praxis der Folter und der patriotischen
Umerziehung in den Klöstern Tibets sofort ein Ende zu setzen. Es verlangt,
dass China die Bestimmungen der UN-Konvention gegen Folter (CAT) und des
Internationalen Vertrags über Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte
(ICESCR), denen es beiden beigetreten ist, auch respektiert. China sollte
seinen Verpflichtungen nachkommen und die Zusatzprotokolle zu dem CAT und dem
Internationalen Vertrag über Bürgerliche und Politische Rechte (ICCPR)
ratifizieren. Das Zentrum für Menschenrechte und Demokratie ruft die
chinesische Regierung erneut dazu auf, sich an die internationalen
Menschenrechtsnormen zu halten und die Garantien seiner eigenen Verfassung zu
respektieren. Dr. med. Ingfried Hobert
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