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Presse / Aktuelles

Artikel "Tibetische Kinder fliehen wegen der Schule ins Exil und riskieren dabei ihr Leben" vom 07.10.2008

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Human Rights Update
Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)
Top Floor, Narthang Building, Gangchen Kyishong, Dharamsala 176215, H.P., India
phone/fax +91/1892/23363/25874, e-mail: dsala@tchrd.org, www.tchrd.org, Juni 2008-1

Zahlreiche Tibeter, die aus ihrer Heimat fliehen, um ins Exil zu gelangen, überqueren den heimtückischen Himalaya. Dabei riskieren sie zu verhungern, in
Gletscherspalten zu stürzen, Erfrierungen oder die Verhaftung durch die Grenzpatrouillen. Fast die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder, und für sie ist
der Weg in die Freiheit besonders riskant.Die Kinder werden ins Exil geschickt, weil sie die vom Dalai Lama und der tibetischen Regierung-im-Exil in Indien aufgebauten Schulen besuchen möchten. Diese Schulen bieten ein breites Spektrum an modernen Unterrichtsfächern bei gleichzeitiger Vermittlung der tibetischen Kultur. Der Hauptgrund für den Exodus der Kinder ist der in fast allen ländlichen Gegenden Tibets herrschende Mangel an Schulen. Auf dem Land gibt es in einigen Gegenden zwar staatliche Schulen, aber ihre Qualität und Ausstattung lassen sehr zu wünschen übrig. Weil die Kinder keine Zukunftsaussichten haben, fühlen sich die Eltern schließlich dazu bewogen, sie Fremden und Guides anzuvertrauen, die sie nach Indien bringen, wo sie eine ordentliche Schulbildung erhalten können.

Im Februar 2005 traf der 13-jährige Tenzin Gelek im Empfangszentrum für tibetische Flüchtlinge in Kathmandu ein. Tenzins Füße wiesen schwere
Erfrierungen auf, die er sich auf dem tagelangen Marsch durch den Schnee zugezogen hatte. Um eine tödliche Infektion zu vermeiden, sahen sich die Ärzte
gezwungen, seine Füße zu amputieren – er wäre sonst gestorben.

Tenzins Familie lebt im Dorf Zallo, Distrikt Medrogungkar, Lhasa, TAR. Er ist das jüngste von fünf Geschwistern. Nachdem er einige Jahre lang eine Schule in Tibet besucht hatte, schickte sein Vater ihn ins Exil, damit er in einer der dortigen tibetischen Schulen mehr Bildung erwerben sollte. Tenzin erzählte dem TCHRD: “Wir sind Bauern. Mein Vater und meine älteren Brüder bestellen das Land, das unserer Familie gehört und davon leben wir. Meine große Schwester besucht eine örtliche Schule und auch ich war fünf Jahre lang Schüler der Jarado-Grundschule. Weil sie so weit entfernt ist, mußte ich jeden Tag eineinhalb Stunden zu Fuß dorthin gehen. Da es in Tibet so wenige Zukunftschancen gibt und die meisten Jugendlichen nutzlos herumlungern,
beschloß mein Vater, mich auf eine gute tibetische Schule ins Exil zu schicken.

Mein Vater erklärte mir, er setze große Hoffnungen in mich und mahnte mich, in Indien fleißig zu lernen. Er fand einen Guide und zahlte ihm 2000 Yuan, damit dieser mich über den Himalaya nach Nepal bringe. Unsere Gruppe zählte 27 Personen. Sieben davon waren Kinder; das jüngste war zehn Jahre alt. Die ersten zwei Tage ab Lhasa mieteten wir einen Lastwagen. Dann gingen wir neun Tage lang zu Fuß über die Schneeberge. Meine Schuhe gingen nach den ersten Tagen kaputt und ich hatte kein zweites Paar; deshalb mußte ich den Rest des Weges in den durchlöcherten Schuhen zurücklegen. Als wir in Samdo (nepalesisches Grenzgebiet) ankamen, konnten die Kinder vor lauter Erschöpfung nicht mehr weitergehen. Meine Füße waren entzündet und durch die Kälte und Infektion völlig taub geworden.

Wegen der Kinder in der Gruppe beschlossen die Erwachsenen, vier Tage Pause zu machen. Wir hatten aber nicht genug zu essen und mein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Ich bekam hohes Fieber, weshalb mich die Erwachsenen abwechselnd auf dem Rücken trugen. Schließlich erreichten wir im Februar 2005 das Tibetan Refugee Reception Centre (TRRC) in Kathmandu. Als wir dort ankamen, war fast ein Monat vergangen, seit ich mein Zuhause verlassen hatte. Im TRRC wurde ich sofort ärztlich behandelt und in ein größeres Krankenhaus eingeliefert. Der Arzt dort erklärte mir, daß meine Füße sofort amputiert werden müßten, weil die Infektion sonst tödlich verlaufen würde. Die Wunden sind mittlerweile gut abgeheilt.”

Nach ungefähr vier Monaten Ruhezeit im TRRC traf Tenzin im Juni 2005 in Dharamsala, Indien, ein. Er möchte nun eine tibetische Schule besuchen und so
die Träume seines Vaters wahr werden lassen.

Sohn eines armen Bauern floh wegen der hohen Schulgebühren ins Exil
Der 17 Jahre alte Choedak aus dem Dorf Hrimo, Gemeinde Toedgya, Distrikt Chentsa, Provinz Qinghai, berichtete dem TCHRD nach seiner Ankunft im TRRC:
“Wir sind eine sehr arme Familie mit sieben Mitgliedern, darunter fünf Kindern. Ich habe noch zwei jüngere Brüder und zwei jüngere Schwestern. Als Ältesten schickten meine Eltern mich zur Schule, aber für meine Geschwister reichte das Geld nicht mehr. Mit acht Jahren kam ich in die Lhaden-Grundschule, eine nahegelegene Dorfschule. Es gab dort ca. 120 Schüler und 13 Lehrer, und es wurden Tibetisch und Chinesisch sowie Mathematik und Erdkunde unterrichtet. Drei der Fächer werden an zwei Schultagen in der Woche unterrichtet, die gesamte übrige Zeit war für die Chinesischstunden reserviert.

Pro Halbjahr müssen wir 35 Yuan Schulgeld bezahlen, dazu kommen noch Gebühren für Essen, Schreibmaterial, Schuluniformen und diverse andere Posten. Das Klassenzimmer ist in erbärmlichem Zustand. Die Tür, die Fenster, Tafel, Stühle und Tische, praktisch alles ist entweder schon kaputt oder wird demnächst auseinanderfallen. Wenn es im Winter schneit, ist es besonders kalt. Die Schüler frieren so, daß sie ununterbrochen schlottern, weil es in dem
Klassenzimmer mit den zerbrochenen Fenstern keine Möglichkeit zum Heizen gibt. Die Lehrer haben immerhin eiserne Öfen, um sich warmzuhalten – die Schüler müssen das Holz dafür mitbringen, wenn sie zur Schule kommen.

Nachdem ich die Grundschule abgeschlossen hatte, setzte ich meine Ausbildung an der Mittelschule für nationale Minderheiten des Distrikts Chentsa fort. Aber meine Eltern nahmen mich nach einem Jahr aus der Schule, weil sie die Gebühren nicht mehr aufbringen konnten. Da es sich um ein Internat handelte, betrugen die Schulgebühren 365 Yuan pro Semester. Die Mahlzeiten werden zwar von der Schule gestellt, aber am Ende des Schuljahrs müssen die Schüler die entsprechenden Kosten in Naturalien oder Bargeld zurückerstatten. Jeder Schüler muß entweder 200 gyama (1 gyama = 500 g) Getreide oder 120 Yuan abliefern. Abgesehen davon ist das Essen in der Schule gräßlich. In der Reisgrütze am Morgen findet man manchmal Rattenkot und die anderen Mahlzeiten sind auch nicht besser. Als die Schüler von der Schulbehörde besseres Essen verlangten, wurde ihr Ansinnen zurückgewiesen, und der Direktor tadelte sie obendrein noch. Die anderen Einrichtungen in der Schule waren genauso schlecht. Für die acht Schlafsäle gibt es nur einen Waschraum. Außerdem herrscht in der Schule Wassernotstand, so daß die Schüler kaum ein Bad nehmen oder sich waschen können, wenn sie sich dreckig gemacht haben. Manchmal müssen sie eine Meile weit laufen, um Wasser zu holen.

Neben den Schulgebühren und der Rückerstattung des Geldes für das Essen werden ständig irgendwelche Beträge gefordert, etwa um die Tische schwarz zu lackieren oder ähnliches. Als die Schulleitung beschloß, einen Volleyballplatz anzulegen, wurden die Schüler in Gruppen von je sechs Kindern eingeteilt, die jeweils eine Wagenladung Sand liefern mußten.

Für ein Bauernkind wie mich ist eine langjährige schulische Bildung in Tibet einfach nicht zu bezahlen. Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre,
kam eines Tages noch ein Team von Regierungskadern zu einem unangemeldeten Besuch in unser Dorf und forderte 5.000 Yuan Strafe von meinen Eltern, weil sie die vom Staat für ländliche Gegenden festgesetzte Obergrenze von drei Kindern pro Familie um zwei überschritten hatten. Weil meine Eltern die Strafe nicht bezahlen konnten, wurde eine Maschine, mit der sie Seile herstellten, beschlagnahmt. Das bloße Überleben unserer Familie wurde immer ungewisser, weshalb meine Eltern mich von der Schule nahmen und nach Indien schickten, damit ich dort meine Ausbildung in einer von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, und der tibetischen Regierung-im-Exil errichteten Schule fortsetzen könnte.”

So sieht die alltägliche Realität aus, weshalb Kinder vom Land nicht in die Schule gehen oder sie nach ein paar Jahren abbrechen, falls sie trotz der hohen
Kosten überhaupt eine besuchen konnten – und das obwohl die chinesische Regierung sich damit brüstet, sie würde in Tibet Schulen bauen und hätte die
gebührenfreie Grundschulpflicht eingeführt. Die von der Regierung angeblich eingeführte, kostenlose, gesetzliche Schulpflicht wird angesichts zahlloser
Fälle wie denen von Choedak und Gelek, die alle vom TCHRD dokumentiert sind, zum Märchen.

Übersetzung: Irina Raba, Adelheid Dönges, Angelika Mensching
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