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Presse / Aktuelles

Artikel "Tibeter in Tibet werden weiterhin verhaftet, gefoltert, umgebracht" vom 01.08.2008

Tibetan Solidarity Committee (Tibetisches Solidaritätskomitee)
http://www.stoptibetcrisis.net
Pressemitteilung, 29.7. 2008

Tibeter in Tibet werden weiterhin verhaftet, gefoltert, umgebracht
=========================================================================
Heute sind genau vier Monate seit dem 14. März 2008 vergangen, als in ganz
Tibet die Welle friedlicher Demonstrationen gegen die repressive Politik der
Zentralregierung begann, die brutal und gewaltsam niedergeschlagen wurden.
Das tibetische Solidaritätskomitee drückt hiermit gegenüber allen diesen
tapferen Tibetern, sowohl den lebenden als auch den verstorbenen, seine
tiefe Bewunderung und Hochachtung aus.

In den vergangenen vier Monaten hatten die Tibeter nur aufgrund der
Tatsache, daß sie ihrer Meinung in friedlicher Weise Ausdruck verliehen,
unvorstellbares Leid von Seiten der chinesischen Behörden zu erdulden. Die
gewaltsame Niederschlagung dieser friedlichen Demonstrationen führte zu mehr
als 5000 Festnahmen, Hunderten von Toten und Schwerverletzten. Und die
Nachrichten über Fälle von Verhaftungen, Folter und Tötungen hören nicht
auf.

Nach den Angaben der chinesischen Regierung über die Anzahl der friedlichen
Demonstrationen hat es bis zum 3. Juli allein in der Tibetisch-Autonomen
Präfektur (TAP) Kardze (chin. Ganzi) mehr als 150 größere und kleinere
Demonstrationen gegeben, was einen Durchschnitt von 1,3 Protestaktionen pro
Tag bedeutet.

Angesichts dessen, wie die chinesische Regierung auf die friedlichen
Demonstrationen reagiert hat – nämlich indem sie sie brutal niederschlug,
anstatt auf die Klagen und Beschwerden des tibetischen Volkes einzugehen,
das nur die Achtung seiner grundlegenden Menschenrechte verlangte –, ist die
Frage leicht zu beantworten, ob die Chinesen die Tibeter als ihre eigene
Nationalität betrachten.

Im Hinblick auf die brutale Repression durch die chinesische Regierung hatte
das tibetische Volk in Tibet gar keine andere Möglichkeit, als sich in
friedlicher Weise zu erheben, mit einem Wort: Wo Unterdrückung herrscht,
folgt die Rebellion.

Angesichts der kritischen Situation in Tibet appellieren wir an die
Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft, sich dringend
unserer folgenden Forderungen anzunehmen:

1) unverzüglich unabhängige Untersuchungskommissionen nach Tibet zu
entsenden;
2) unverzüglich der freien Presse Zugang zu ganz Tibet zu gewähren;
3) unverzüglich dem brutalen Morden in ganz Tibet ein Ende zu setzen;
4) unverzüglich für die sofortige Freilassung aller festgenommenen und
verhafteten Tibeter zu sorgen;
5) unverzüglich die medizinische Versorgung der verletzten Tibeter zu
ermöglichen;
6) die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit der Menschen und ihren Zugang zu
lebensnotwendigen Gütern sicherzustellen.
***********************************************
Strafexpeditionen, Plünderung von Klöstern und Schikanierung der Bevölkerung
============================================================================
Fortsetzung der Mitteilung von TibetInfoNet vom 30. Juni, Gesamttext:
http://www.igfm-muenchen.de/tibet/tin/NewsUpdate2008/Strafexpeditionen.html

Das Verhalten des Sicherheitspersonals, insbesondere seine Plünderung der
Klöster und Privathaushalte, wirft die Frage auf, ob so etwas einfach mit
einem Mangel an Disziplin erklärt werden kann. Ebenso läßt die Inkonsequenz
bei der Festsetzung der Geldstrafen und das Fehlen einer einheitlichen Skala
darauf schließen, daß die Sicherheitskräfte entweder das Gesetz "in ihre
eigene Hand nehmen“, oder anfällig für Korruption sind, denn den Quellen aus
der Region zufolge sind solche Geldstrafen unerlaubt. Es ist
unwahrscheinlich, daß die vorgesetzten Behörden die Sicherheitskräfte
ausdrücklich anwiesen, gesetzwidrig zu handeln. Auf der anderen Seite werden
ähnliche Fälle von willkürlicher Erhebung von Geldstrafen und der Entwendung
von persönlichen Besitzgegenständen, meistens nicht-politischem Material wie
religiösen Artefakten, auch aus anderen Gegenden Tibets berichtet, darunter
aus Ngaba, Machu, Rebkong, Labrang und Kardze. Dieses wiederkehrende
Verhaltensmuster der Sicherheitskräfte legt die Vermutung nahe, daß die
höheren Instanzen mit einer Art von stillschweigendem Einverständnis dem
gegenüber stehen. Eine solche Haltung seitens der Behörden ist schließlich
nichts Neues und liegt all den illegalen Prozeduren zugrunde, die überall in
tibetischen Regionen anzutreffen sind, vor allem dem weitverbreiteten
Gebrauch der Folter.

Abgesehen von der Ausübung solchen materiellen Drucks ist die Verschärfung
der patriotischen Erziehungskampagne ein typisches Merkmal der derzeitigen
Repressionswelle, von der Klöster, Schulen, Arbeitseinheiten und Dörfer in
ganz Tibet überrollt werden. „Patriotische Erziehung“ heißt, auf den Begriff
gebracht, daß Tibeter gezwungen werden, vehement und öffentlich den Dalai
Lama zu diffamieren und sich von ihm loszusagen und dann der VR China und
der Parteiführung ihre Treue zu schwören. Viele Tibeter klagen bitterlich
über den Zwang zur Teilnahme an den politischen Meetings und die ständige
Überwachung, der sie ausgesetzt sind. Ein Tibeter aus Labrang erzählte
TibetInfoNet, daß die Mönche mindestens zweimal am Tag zu den politischen
Meetings gehen mußten, wobei sie in neun separate Gruppen unterteilt wurden
und nicht miteinander sprechen durften. Daher wußte der Mönch nichts über
den Verbleib der festgenommenen Mönche oder darüber, was mit jenen Mönchen
passierte, die bei einer staatlich arrangierten Tour am 4. April
ausländische Journalisten angesprochen und ihre Meinung geäußert hatten.

Ein Student der Universität Lanzhu sagte, daß die tibetischen Studenten
täglich politische Kurse besuchen mußten, die an die „Kampfsitzungen“ der
Kulturrevolution erinnern. Sie mußten dabei Geständnisse ablegen, all ihre
persönlichen Daten und Kontakte enthüllen, darunter auch die ihrer
Angehörigen und Freunde, und die „Dalai Clique“ beschimpfen. Er klagte
TibetInfoNet: „Es war psychisch und physisch dermaßen erschöpfend, daß ich
es zeitweise eher vorgezogen hätte, ins Gefängnis gesperrt zu werden, als an
diesen demoralisierenden Kursen teilzunehmen“. In ähnlicher Weise wurde von
den Studenten in Lhasa verlangt, Aufsätze zu schreiben, manchmal mehrere am
Tag, in denen sie die „Dalai Clique“ zu kritisieren hatten. Es wurde als
Folge dieser Kampagnen über Verzweiflung unter den Studenten, Selbstmorde
und neue Protestaktionen berichtet.

Folterung, zumindest von nicht „zur Mitarbeit bereiten“ Häftlingen, ist bei
der augenblicklich über die tibetischen Gebiete dahinrollenden
Repressionswelle häufig und weit verbreitet. Eine Quelle, die in Kontakt zu
mehreren Häftlingen aus Machu und Luchu steht, die freigelassen wurden, gab
an, daß die Opfer geschlagen, getreten, gepeitscht und stundenlang von der
Decke herunter hängengelassen werden, und daß die Vernehmungsbeamten
außerdem die Sexualorgane der Männer und der Frauen mit elektrischen
Schlagstöcken traktierten. Nach ihrer Freilassung müssen die Opfer sich
selbst um medizinische Behandlung kümmern. Vier Mönche aus Labrang, Genja
Sangnak, Genja Samten, Gedun, Jigme Goril, die Ende April aus dem Gefängnis
kamen, wurden so heftig geschlagen, daß sie nicht mehr ohne fremde Hilfe
gehen können. Genja Samten ist in kritischem gesundheitlichem Zustand, und
alle haben sie innere Verletzungen davongetragen.

Wie aus Ngaba (chin. Aba) verlautet, gibt es in der Gemeinde Jaro mindestens
zwei bestätigte Fälle, wo die Häftlinge an den Folgen der Mißhandlungen
während der Verhöre starben. Die 38jährige Nechung, Mutter von vier Kindern,
wurde am 18. März wegen ihrer Teilnahme an friedlichen Protestaktionen am
16. und 17. März in Jaro, wo sie ein Bild des Dalai Lama trug, festgenommen.
Sie wurde ins Distriktgefängnis von Ngaba gesperrt und dort zusammen mit
anderen Tibetern schwer geschlagen. Die Mißhandlungen wurden noch heftiger,
als sie sich weigerte, ein Dokument zur Diffamierung des Dalai Lama zu
unterzeichnen und der chinesischen Regierung Loyalität zu geloben. Sie
weigerte sich auch, auf einem Bild des Dalai Lama herumzutrampeln. Daher
droschen die Gefängniswachen so entsetzlich auf sie ein, daß sie halb
ohnmächtig war, als die Polizei sie am 26. März nach Hause brachte; sie
mußte gestützt werden und erkannte von ihren Angehörigen niemanden mehr. Als
diese sie ins Krankenhaus bringen wollten, ließ die Polizei es nicht zu. Sie
starb am 17. April, ohne daß sie wußte, wo sie sich befand oder ärztlichen
Beistand erhalten hätte. Sie hinterläßt vier minderjährige Kinder; ihr Mann
ist nach ihrer Festnahme untergetaucht, um der Verhaftung zu entgehen....

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching

Dr. med. Ingfried Hobert

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